Mein Maßstab
Ich verglich mich immer mit einer schlimmeren Vorstellung.
Wenn ich an ein Alkoholproblem dachte, sah ich nicht mich. Ich sah ein extremes Bild: alles verloren, jeden Morgen sichtbar am Ende, von allen erkannt. Solange ich diesem Bild nicht entsprach, konnte ich mich beruhigen.
Ich fragte nicht, was der Alkohol in meinem Leben bereits veränderte. Ich fragte nur, ob es schon schlimm genug aussah. Das war eine Messlatte, die ich jederzeit höher legen konnte.
Was funktionierte
Die Fassade musste nicht perfekt sein. Sie musste nur halten.
Arbeit, Wohnung und Geld waren echte Teile meines Lebens. Ich habe sie mir nicht eingebildet. Der Fehler war, daraus zu schließen, dass deshalb auch der Rest in Ordnung sein müsse.
Ein Mensch kann Termine einhalten, Rechnungen bezahlen und trotzdem seinen Alltag immer stärker um Alkohol bauen. Bei mir passten Funktionieren und problematischer Konsum lange in dasselbe Leben.
Was kleiner wurde
Der Preis zeigte sich nicht nur im großen Zusammenbruch.
Ich wollte Alkohol möglichst immer zu Hause haben. Ich zählte abends nach, ob der Vorrat bis morgen reichen würde. Gesellschaft und Kommunikation verlagerten sich teilweise ins Internet, wo Alkohol ebenfalls seinen festen Platz hatte.
Mein Leben musste nicht auf einmal zerbrechen, um kleiner zu werden. Es reichte, dass immer mehr Entscheidungen, Abende und Gedanken denselben Mittelpunkt bekamen.
Warten
Ich hoffte auf einen eindeutigen Moment, der mir die Entscheidung abnimmt.
Ein filmreifer Tiefpunkt hätte etwas Bequemes gehabt: Danach wäre die Lage klar gewesen. Niemand – auch ich selbst nicht – hätte noch diskutieren können. Aber dieser eine Moment kam nicht und traf die Entscheidung nicht für mich.
Heute glaube ich nicht mehr, dass ein Mensch erst alles verlieren muss, bevor sein Wunsch nach Veränderung berechtigt ist. Bei mir begann der Ausstieg nicht damit, dass gar nichts mehr funktionierte. Er begann damit, dass ich nicht länger warten wollte.
Die andere Frage
Nicht: Ist es schlimm genug? Sondern: Soll es so weitergehen?
Diese Frage braucht keinen Vergleich mit einem fremden Tiefpunkt. Sie schaut auf das eigene Leben: auf den Platz, den Alkohol einnimmt, auf die Dinge, die kleiner werden, und auf das Gefühl beim Gedanken an morgen.
Meine Antwort kam nicht als große Erleuchtung. Am 3. Mai 2022 war mein letzter Trinktag. Danach machte ich den Zeitraum klein: erst den nächsten Tag, dann eine Woche, dann einen Monat.