Die Szene
Das Glas stand neben dem Video.
Ich suchte nach Erfahrungen von Menschen, die aufgehört hatten. Ich schaute lange zu, hörte mir ihre Gründe an und versuchte zu verstehen, wie ein Leben ohne Alkohol funktionieren könnte.
Währenddessen trank ich weiter. Nicht irgendwann am selben Tag, sondern genau dabei. Heute sehe ich diesen Widerspruch deutlich. Damals fühlte er sich beinahe logisch an.
Der Widerspruch
Ich wollte raus – aber noch nicht durch die Tür.
Ein Teil von mir wusste längst, dass sich etwas verändern musste. Ein anderer Teil brauchte den Alkohol, um überhaupt auszuhalten, darüber nachzudenken. Das Mittel, von dem ich wegwollte, machte mir den Gedanken ans Wegkommen kurzfristig erträglicher.
Das klingt von außen vielleicht unvernünftig. Für mich war es keine bewusst geplante Entscheidung. Es war mein damaliger Zustand: wissen, suchen, hoffen und trotzdem genauso weitermachen.
Die Ausrede
Information fühlte sich schon ein bisschen wie Veränderung an.
Solange ich Videos schaute, konnte ich mir sagen, dass ich mich immerhin mit dem Thema beschäftigte. Ich war nicht untätig – jedenfalls nicht vollständig. Aber ich verwechselte das Nachdenken zeitweise mit dem nächsten Schritt.
Ich sammelte Antworten, obwohl ich die eine Frage längst kannte: Will ich, dass mein Leben so weitergeht? Noch mehr Wissen konnte mir die Antwort darauf nicht abnehmen.
Heute
Ich sehe darin keine Dummheit, sondern Ambivalenz.
Ich erzähle diese Szene nicht, um mein früheres Ich lächerlich zu machen. Sie zeigt, wie zwei gegensätzliche Gedanken gleichzeitig wahr sein konnten: Ich wollte aufhören, und ich wollte den Alkohol in diesem Moment nicht loslassen.
Vielleicht erkennt sich jemand genau darin wieder. Ein Gedanke an Veränderung ist noch keine Veränderung. Aber er ist auch nicht nichts. Bei mir war er lange da, bevor am 3. Mai 2022 tatsächlich mein letzter Trinktag kam.
Was davon helfen kann
Du musst dich für den Widerspruch nicht verstecken.
Wer über das Aufhören nachdenkt und trotzdem trinkt, hat damit nicht automatisch bewiesen, dass es ihm egal ist. Menschen sind widersprüchlich – besonders bei etwas, das über Jahre zum Alltag, zur Beruhigung oder zur sozialen Hilfe geworden ist.
In unserer Community darf auch genau darüber gesprochen werden: ohne perfekte Erfolgsgeschichte und ohne Verurteilung. Es geht immer gegen die Sucht, aber niemals gegen den Süchtigen.